«Von Mensch zu Mensch»
Nadine hilft Ursula beim Aufräumen, Charles geht mit der blinden Marlise spazieren, Verena begleitet Erika beim Wandern und Monika schaut jede Woche bei Elke vorbei, diskutiert und kocht mit ihr. Sie alle sind sogenannte Tandems, Menschen, die von Zeitgut zusammengebracht wurden. ULRIKE SEIFART Das Ziel der 2012 in Luzern gegründeten Genossenschaft ist die Förderung von Nachbarschaftshilfe, und das kommt gut an: Mittlerweile gibt es rund 330 aktive Tandems, über 1000 Mitglieder und zehn weitere Genossenschaften in der Schweiz.
Zeit als Geschenk
Die Währung für die Einsätze ist Zeit, die auf das Mitgliedskonto gebucht oder abgebucht wird – und doch spielt sie eine eher untergeordnete Rolle. «Wir vermitteln auch ohne Guthaben, wenn Hilfe notwendig ist. Andererseits schenken viele Mitglieder ihre gewonnene Zeit an die Genossenschaft zurück, weil sie selbst keinen Bedarf haben», sagt Laslo Niffeler, Geschäftsleiter von Zeitgut. Im Mittelpunkt stünden zumeist andere Dinge: «Neben dem erfüllenden Gefühl, anderen helfen zu können, sind es die schönen Begegnungen und die Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Es ist ein Gewinn für beide Seiten.»
Heute geben, morgen getragen sein
Neben der Freude am Miteinander kann auch die Sorge um die eigene Zukunft eine Rolle spielen. «Manche Mitglieder sind alleinstehend und engagieren sich jetzt bewusst, um später selbst Unterstützung zu erhalten, wenn sie diese brauchen.» Das jüngste Mitglied bei Zeitgut ist 18, das älteste 101 Jahre. Die Mehrheit ist zwischen 50 und 70 Jahren, mit wachsendem Anteil der 25- bis 40-Jährigen. Wer Mitglied werden möchte, wird zu einem Erstgespräch eingeladen. Gemeinsam
werden die Ressourcen ausgelotet, ob ein Bedarf besteht und wo die Interessen liegen. Anschliessend wird nach einem passenden Tandempartner bzw. einer passenden Tan-dempartnerin gesucht. Eine schriftliche Vereinbarung mit Bedingungen und Abgrenzungen rahmt dann das hoffentlich langfristige Engagement. Das längste Tandem besteht seit zehn Jahren!
Gemeinschaft statt Einsamkeit
Die Suche nach Unterstützung kommt entweder direkt von den Hilfesuchenden selbst oder von ihren Angehörigen, von Fachstellen wie der Spitex, der kirchlichen Sozialberatung oder der städtischen Anlaufstelle Alter. «Dabei ist neben konkreter Alltagshilfe oft die Einsamkeit eines der genannten Grundprobleme», sagt der Geschäftsleiter. Daher brauche es ein gesamtgesellschaftliches Engagement und Initiativen von Mensch zu Mensch. Wem das Tandem-Modell nicht zusagt, der kann bei einem der Zeitgut-Partner aktiv werden und so Zeit «sammeln», zum Beispiel in der Suppenküche der reformierten Kirche Weinbergli und des Quartiervereins Vicino Schönbühl. Die Reformierte Kirche der Stadt Luzern unterstützt Zeitgut seit mehreren Jahren mit finanziellen Beiträgen und als Partnerorganisation. Das Engagement entspricht ihrem Selbstverständnis, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, soziale Teilhabe zu fördern und Menschen miteinander zu verbinden.
Weitere Infos: zeitgut-luzern.ch